Aufgabe der Führungskräfte bleibt es, als Vorbild zu wirken und Auswüchse, die sich am Wertekanon des Unternehmens vergehen, konsequent und sichtbar zu sanktionieren.

Dr. Johannes Schmidt
Vorstandsvorsitzender der INDUS Holding AG

Wir haben mit Herrn Dr. Johannes Schmidt über #FutureGoodGovernance gesprochen.
Das Interview wurde vor dem Ausbruch der Corona Pandemie geführt.


Ein Schiff braucht einen Kapitän. Es wird viel über neue Führungskonzepte gesprochen, von Partizipation und Freiraum. Wie viel Führung braucht ein Unternehmen zukünftig noch und wie viel Agilität verträgt es? Wie stellen Sie sich Unternehmensführung in der Zukunft vor?

Gute Unternehmen brauchen Führung: Es geht um klare Zieldefinitionen im Rahmen einer definierten und kommunizierten Strategie. Es geht um das Nachverfolgen der Zielerreichung und die Einleitung von Maßnahmen bei drohender Zielverfehlung. Agilität und andere Führungsansätze sind dabei Mittel zum Zweck. Entscheidend ist, dass diese Methoden dann eingesetzt werden, wenn Sie passen, und nicht, weil Sie gerade modern sind.


Die Gretas der Welt haben den Blick auch auf Unternehmen und deren Handlungsfelder gelenkt. Welche Herausforderungen erwarten Sie zur gesellschaftliche Verantwortung und damit Nachhaltigkeit im Unternehmen?

Der Druck auf die Unternehmen, sich intensiver um nachhaltiges Wirtschaften zu bemühen, wird weiter stark zunehmen. Neben der eigentlichen Arbeit an der Sache wird dabei auch das immer professionellere „Verkaufen“ der Nachhaltigkeitsleistung – gerade für börsennotierte Gesellschaften – weiter in den Vordergrund rücken. Das Netz von gesetzlichen Regelungen, Anforderungen von Ratingagenturen, Anforderungen von Kreditgebern sowie Anforderungen von Stimmrechtsvertretern wird immer enger, wobei sich Anforderungen teilweise sogar widersprechen. Entscheidend bleibt meines Erachtens aber auch weiterhin zu aller erst eine gute inhaltliche Arbeit, die nicht opportunistisch jeder neuen Mode nachrennt, sondern Unternehmen langfristig in Sachen Nachhaltigkeit zukunftsfähig ausrichtet


Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Heute geht es noch in erster Linie um Zahlen und Compliance. Künstliche Intelligenz verändert allerdings auch hier Perspektive und Denken. Wie können Sie sich ein zukünftiges System zur Überwachung des Vorstandes vorstellen? Wacht demnächst noch ein Aufsichtsrat über die Geschäftsführung oder wird demnächst die ‚Überwachung‘ durch einen technisch hochgerüsteten externen Dienstleister ersetzt?

Die Überwachung durch ein technisches System wird auch in Zukunft immer nur einen Teil der Aufgabe eines Aufsichtsrats wahrnehmen können. Solche Systeme werden sicher zunächst im quantitativen Bereich wirksam werden. Die gesamtheitliche Überwachung eines Vorstandes wird aber in ihrer Komplexität immer die vielfältigen eigenen Erfahrungen der Aufsichtsräte in der Einschätzung und Bewertung komplexer Situationen, aber auch die Diskussion innerhalb des Aufsichtsrates und mit dem Vorstand erfordern.


Unternehmen sind einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen. Welche Herausforderungen erwarten Sie für Ihr Unternehmen in den nächsten 10 Jahren? Wie werden diese Ihr Unternehmen verändern? Was wird sich für Beschäftigung und Qualifikation der Mitarbeitenden ändern?

Mit einem deutlichen Fokus auf Deutschland und Mitteleuropa werden in dem von mir geführten Unternehmen in den kommenden Jahren die demographischen Veränderungen eine erhebliche Rolle spielen. Eine gute Berufsausbildung (auch über Bedarf) bleibt eine zentrale Aufgabe. Daneben müssen wir uns auf eine noch größere Flexibilität bei Arbeitszeitmodellen (Flexibilität, Sabbaticals, Lebensarbeitszeit, …) einstellen, um den steigenden individuellen Ansprüchen einer reduzierten Zahl von Arbeitnehmern entgegenzukommen und diese im Unternehmen zu halten. Auch die längere Beschäftigung und weitere Qualifizierung älterer Mitarbeiter wird in Zeiten weiter steigenden Renteneintrittsalters eine zunehmende Rolle spielen.


Es wird viel über Zentralität vs. Dezentralität, Agilität und Kernkompetenz in Organisationen debattiert. Gibt es in 20 Jahren überhaupt noch Unternehmen im heutigen Sinne? Welche Veränderungen in Bezug auf Unternehmensorganisation und -finanzierung erwarten Sie bzw. würden Sie sich wünschen?

Nach meiner Einschätzung wird es auch in 20 Jahren noch Unternehmen im heutigen Sinne geben. Spätestens wenn es um investitionsintensive Produktionsprozesse geht, haben große Unternehmensstrukturen mit Ihrer Finanzkraft auch in Zukunft ihre Berechtigung. Auch auf der Finanzierungsseite werden die Banken (oder deren Nachfolger) weiter entsprechende Strukturen verlangen und ihr Geld nicht in amorphe Strukturen ausreichen.

Dennoch glaube ich, dass gerade in Zeiten schneller Veränderungen mittelständische Tugenden ihren hohen Stellenwert behalten werden. Kleine flexible Einheiten unter dem Dach einer starken Gesamtstruktur werden da erhebliche Vorteile gegenüber Großkonzernstrukturen haben.


Automobilhersteller werden zu Mobilitätsdienstleistern, Nahrungsmittelhersteller werden zu Lifestyle-Anbietern, Medienhäuser zu Data-Science-Unternehmen. Wohin wird sich Ihre Branche entwickeln? Gibt es Branchen – so wie wir sie heute kennen – in zehn Jahren überhaupt noch? Was kommt dann?

Natürlich wird es die klassischen Industriebranchen auf weiter geben, da die Dinge, die wir nutzen (und anfassen), am Ende auch hergestellt werden müssen. Allerdings müssen die klassischen Industrien aufpassen, dass sich auf dem Weg zum Verbraucher infolge der Digitalisierung nicht eine Wertschöpfungsstufe zwischen sie und die Kunden schiebt und ihnen einen erheblichen Teil der Marge wegnimmt. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit digitalen Geschäftsmodellen auch für die klassischen Industrien so wichtig.


Unternehmenslenkern wird heute von verschiedenen Seiten die Frage nach dem Unternehmenszweck oder nach dem spezifischen Auftrag des Unternehmens gestellt. Wie werden Sie diesem Anspruch gerecht? Welche positiven bzw. kritischen Lehren haben Sie daraus gezogen? Welchen Rat geben Sie einem Vorstandsvorsitzenden einer anderen Branche, wie er sich diesem Thema am besten nähert.

Es besteht ein akutes Risiko, dass Unternehmen mit den vielfältigen Erwartungen der diversen Stakeholder überfordert werden. Dabei werden meines Erachtens zunehmend auch gesamtgesellschaftliche Aufgaben, die, sofern gewollt, durch die Politik zu lösen wären, den Unternehmen auferlegt. Diesen Erwartungen muss man sich als Führungskraft bewusst sein. Man kann sie aber nicht alle opportunistisch erfüllen, sondern muss sich im konkreten Einzelfall auch immer wieder bewusst dafür entscheiden, bestimmte Erwartungen nicht zu erfüllen. Das bedarf dann aber der aktiven Kommunikation.


Die sogenannten Stakeholder, insbesondere die (institutionellen) Aktionäre nehmen ihre Eigentümerrechte und -pflichten viel stärker wahr als noch vor wenigen Jahren. Es reicht deshalb schon lange nicht mehr, die Vorgaben eines Kodex abzuhaken („comply-or-explain“). International ist die intensive und permanente Kommunikation/Interaktion der Stakeholder mit der Unternehmensführung auf dem Vormarsch („apply-and-explain“). Welche Trends sehen Sie hier und wie bewerten Sie diese?

Die aktuelle Entwicklung gerade im Bereich der Proxy Advisor sehe ich sehr kritisch. Es gibt einen wirtschaftlich getriebenen Wettkampf zwischen den diversen Organisationen, die versuchen, sich in ihren Forderungen gegenseitig zu übertrumpfen. Letztlich müssen sich die großen institutionellen Investoren damit auseinandersetzen, ob ihren Interessen am Ende damit gedient wird.


#FutureGoodGovernance ist derzeit noch in vielen Bereichen einer Glaskugel vergleichbar. Welche zukünftigen Aspekte der Good Governance liegen Ihnen besonders am Herzen? Was würden Sie sich wünschen, wenn Sie drei Wünsche frei hätten? Wo sehen Sie die Politik gefordert? Und welche Verantwortung haben zukünftig Unternehmen und deren Führungskräfte?

Bei aller Regulierungs-, Formalisierungs-, Auditierungs- und Zertifizierungswut führt am Ende doch kein Weg an einer wertebasierten Führung von Unternehmen vorbei, um langfristig erfolgreich zu bleiben. Aufgabe der Führungskräfte bleibt es, als Vorbild zu wirken und Auswüchse, die sich am Wertekanon des Unternehmens vergehen, konsequent und sichtbar zu sanktionieren.

Die Politik sollte aufhören, das konkrete Handeln der Unternehmen im Einzelfall regeln zu wollen, da sie nicht der „bessere Unternehmer“ ist. Es geht um die Schaffung der richtigen Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich die Unternehmen dann entwickeln können.

Aktionäre und Gesellschafter sollten ihre Investitionsentscheidungen langfristig anlegen und so Unternehmen, die mit einer klaren Strategie und wertebasiert agieren, unterstützen.

Vielen Dank für das Interview!